|
||||||||||||||||||||||||||||
Friedrichshainer GeschichteDer NameIm Jahre 1920, als Berlin mit sieben weiteren Städten, 59 Dörfern und 27 Gutsbezirken zusammengeschlossen und territorial neu gegliedert wurde, erhielt der südlich vom bereits vorhandenen Park Friedrichshain gelegene V. Verwaltungsbezirk dessen Namen. Friedrichshain hieß dieser Stadtbezirk bis zum Jahre 2000. Dann wurde er zusammen mit dem südwestlichen, auf der anderen Seite der Spree befindlichen Kreuzberg zum neuen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg fusioniert. Erstmals erschien der Name Friedrichshain im Jahre 1840, als die Berliner Stadtverordnetenversammlung nicht ohne Hintersinn beschloss, zu Ehren der einhundertjährigen Thronbesteigung Friedrich II. einen Hain vor dem Landsberger Tor und Königstor einzurichten. Im Volkspark, damals noch außerhalb der Stadt gelegen, sollte nicht nur der Bürgerstolz flanieren. Die dem Preußenkönig zugeschriebenen Ideen wirtschaftlicher, politischer, sozialer und kultureller Freiheit wurden auf diese Weise bei dem gerade herrschenden Hohenzollern Friedrich Wilhelm IV. angemahnt. 1846 bis 1848 wurde der Park von Arbeitslosen hergerichtet. Am 22. März 1848 fanden in seinem südwestlichen Gelände die Opfer der Revolution ihre letzte Ruhe. Unweit von dem 1864 im Park errichteten Denkmal für Friedrich II. erinnern die Kämpfer für eine deutsche Republik an die nicht verwirklichten Freiheiten. Der Friedrichshain wurde vom Hain für den Monarchen zu einem Symbol der Revolution. Schwarz-Rot-Gold war die Idee des Parks. Rot war schon bald die Farbe dieser in den folgenden Jahren immer mehr von Handwerkern und Kaufleuten, vor allem aber von Arbeitern bewohnten Gegend.
Von der Vorstadtgegend zum Stralauer Viertel
Kennzeichnend für die Geschichte des Berliner Ostens waren urbane Entwicklungsrückstände
infolge einer Jahrhunderte langen Konservierung des ländlichen Charakters und der
landwirtschaftlich-gärtnerischen Nutzungen des Gebietes östlich des heutigen
Alexanderplatzes. Obwohl erste Anfänge der Stralauer Vorstadt, des späteren Stralauer
Viertels und Vorgänger des Bezirks Friedrichshain, schon in das späte Mittelalter
zurückführen, begann die Ausdehnung der städtischen Bebauung auf das Territorium
des heutigen Ortsteils Friedrichshain erst im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts.
Zuvor stand bis 1703 am jetzigen Strausberger Platz die Berliner Richtstätte, der
Rabenstein. Oftmals Unschuldige wurden hier auf grausame Weise getötet. Darunter waren
angebliche Hexen und im Jahre 1510 verbrannten hier die Berliner vierzig Juden auf einem
Scheiterhaufen. 1540 wurde der Kaufmann und Sozialrebell Hans Kohlhase am Rabenstein
zu Tode gerädert. Das Stralauer Viertel, das östlich vom Alexanderplatz begann, wurde nach dem kleinen, möglicherweise slawischen Fischerdorf Stralow auf der Halbinsel in der Spree benannt. Dort befindet sich das älteste sakrale Bauwerk Friedrichshains, die 1464 erbaute Dorfkirche Stralau. Das Dorf Stralow wurde erstmals 1358 urkundlich erwähnt, als es in Berliner Besitz überging. Weitere vorstädtische Siedlungskerne im heutigen Stadtteil Friedrichshain waren das 1591 erstmals genannte Gut Boxhagen sowie die friderizianischen Kolonien Boxhagen (ab 1770), Friedrichsberg (ab 1782) und Klein Frankfurt (ab 1750).
Die weitgehend nur locker-vorstädtisch oder überhaupt nicht bebaute Gegend lud um 1840 zur Errichtung großer Verkehrs- und Industriebauten ein. Dominant für die Stadtentwicklung und den Charakter des gesamten Quartiers wurde der 1842 erbaute Frankfurter Bahnhof, das bis dahin größte Berliner Verkehrprojekt. Später hieß er Schlesischer Bahnhof und heute Ostbahnhof. 1867 folgte ihm am damaligen Küstriner Platz ein weiterer Bahnhofsbau. Dieses Bahnhofsviertel zog weiteren Verkehr und Industrieansiedlungen an, spie Hunderttausende Menschen in die Stadt aus und verlieh dem Ort eine Flüchtigkeit und Kumpelhaftigkeit, die den gehobenen Schichten zuwider war. Grundstückspreise, Mieten, Fabriken, Wohnhäuser produzierten einen typischen Menschenschlag, der von Arbeit und Wohnen in größter Enge geprägt war und dessen Wohnzimmer die Kneipe wurde. Industrialisierung und VerkehrsbautenDie Friedrichshainer Gegend wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem großflächigen Transport-, Umschlags- und Versorgungszentrum des auf dem Sprung zur europäischen Metropole befindlichen Berlins. Güterbahnhöfe, Eisenbahnwerkstätten, der Vieh- und Schlachthof, Speichergebäude entlang der Spree sowie Maschinenbau-, Textil-, Tischlerei-Fabriken, Wasser- und Abwasserwerke sowie mehrere Brauereien siedelten sich an. Nach 1860 begann das Zusammenwachsen der ländlich-vorstädtisch geprägten Ortschaften mit dem Stralauer Viertel, das sich immer mehr nach Osten hinaus schob. Im Aufschwung der Gründerjahre nach 1871 setzte explosionsartig die Wohnbebauung für die Arbeiterfamilien ein, die hier unmittelbar neben ihren Arbeitsstätten wohnten. 1874 öffnete das Krankhaus Friedrichshain, das erste städtische Krankenhaus in Berlin, zu verdanken dem Erstspender Jean Jacques Fasquel. Die Stadtmauer entlang der Memeler Straße, der heutigen Marchlewskistraße, und Friedenstraße fiel 1867.
Bis zur Jahrhundertwende 1900 dehnte sich das Stralauer Viertel weitgehend auf das heutige Friedrichshainer Gebiet aus. Ein ebenfalls schon städtisch-bebautes Territorium südlich der Frankfurter Allee um den Boxhagener Platz und den Traveplatz, begrenzt von der Niederbarnimstraße und der Simplonstraße, war noch nicht Berliner Stadtgebiet und kam 1920 zunächst zum Bezirk Lichtenberg und erst 1938 nach Friedrichshain. Es handelt sich um die alten Ortsteile Boxhagen und westliches Friedrichsberg. Die Stralauer Halbinsel östlich des Markgrafendamms lag ebenfalls außerhalb Berlins und wurde 1920 dem Bezirk Friedrichshain zugeordnet. Der Viehhof, seit 1920 zunächst auf Friedrichshainer Terrain gelegen, wechselte 1938 nach Prenzlauer Berg. Von 1933 bis 1945 hieß der Verwaltungsbezirk Friedrichshain "Horst-Wessel-Stadt" bzw. "Horst Wessel", benannt nach einem fanatisch-demagogischen SA-Führer, der 1930 von Kommunisten erschossen worden war und den die Nazis zu einer Kultfigur gemacht hatten. Wohnquartier der kleinen LeuteFriedrichshain war schon im Kaiserreich das Herz des Berliner Ostens. Damals hieß der Stadtteil östlich des Alexanderplatzes noch Stralauer Viertel, in dem die hier geborenen Berliner lange Zeit eine Minderheit blieben. Die richtigen Berliner waren die zugewanderten deutschen, polnischen und jüdischen Landarbeiter-, Handwerker- und Kaufmannsfamilien aus Ost- und Westpreußen, Schlesien, Pommern und Brandenburg, die am Schlesischen Bahnhof ausstiegen und dann in diesem Stadtteil ihr Glück und ihr Auskommen suchten. Die Verbindung der Mietskasernen mit ihren Hinterhof- und Kellerwohnungen und den Fabrikbauten auf engstem Raum ließen ein Stadtquartier heranwachsen, das im 20. Jahrhundert als Arbeiter- und Industriebezirk in die Geschichte einging. Etwa 60 % der Einwohner zählten in den 1930er Jahren zur Arbeiterschaft. Dem entsprach die politische Entwicklung. Die Sozialdemokratie war hier zu Hause. Bis zum ersten Weltkrieg blieb sie die stärkste politische Kraft im Stralauer Viertel. In der Weimarer Republik war Friedrichshain neben dem Wedding und Neukölln eine der kommunistischen Hochburgen in Berlin, die jedoch 1933 im Naziterror liquidiert wurde, aber auch schnell in sich zusammenfiel.
Friedrichshain war seit 1920 mit einer Fläche von 9,095 km² der kleinste der zwanzig Berliner Verwaltungsbezirke. Sein Territorium war schon seit Jahrzehnten weitgehend mit Wohnhäusern, Fabriken und Bahnanlagen bebaut. Damals hieß städtisches Wachstum nicht weitere Neubebauung, sondern Verdichtung. Wo ein Körper war, konnte auch ein zweiter sein. Schlafburschen sorgten dafür, dass das Bett in den kleinen Arbeiterwohnungen niemals kalt wurde. Mit 346.264 Einwohnern komprimierte sich der Bezirk 1939 schließlich an die Spitze aller Berliner Bezirke. 2007 leben auf dem selben Raum etwa 111.000 Menschen. Alfred Döblin, Heinrich Zille, Karl Marx, der Hauptmann von Köpenick Wilhelm Voigt, Reichspräsident Friedrich Ebert, der spätere DDR-Kulturminister Johannes R. Becher, Inge Meysel, der christliche Anarchist Theodor Plivier, der Nachkriegs-Al Capone Werner Gladow, Reichsaußenminister Gustav Stresemann, der Historiker Friedrich Meinecke, Armin-Müller Stahl, Maybrit Illner, der Pazifist Ernst Friedrich, Tamara Danz und die Ché-Guevara-Freundin Tamara Bunke lebten hier. Rainer Eppelmann, Hans Modrow und Günter Schabowski schrieben an der jüngsten Geschichte Deutschlands mit. Aber vor allem war dies bis zum Ende des 20. Jahrhunderts ein Stadtteil der kleinen Leute und eben nicht der Oberschicht. John Stave beschrieb in seinem Klassiker "Stube und Küche" von 1987 mit inzwischen sechs Auflagen den Menschenschlag des Friedrichshainers und seine Lebensumstände im 20. Jahrhundert.
Identitätsverlust
Die historische Kernsubstanz des alten Friedrichshains um den Strausberger Platz und
Schlesischen Bahnhof (1950: Ostbahnhof) aus dem 18. und 19. Jahrhundert fiel dem deutschen
"Endsieg" zum Opfer. Die Fortsetzung des verbrecherischen Krieges nach dem 1. Februar 1945
kostete Friedrichshain schätzungsweise zwei Drittel seiner im gesamten II. Weltkrieg
verlorenen Bausubstanz. Beträchtliche Reste der Altbebauung tilgte die langweilige
sozialistische Nachkriegsstadtplanung.
|




























